You’re viewing a version of this story optimized for slow connections. To see the full story click here.

Projektbesuch im Irak

Unterwegs mit Manolo Caviezel, dem Projektbeauftragten der Glückskette, im Norden des Iraks (Teil 1)

Story by Glückskette July 26th, 2017

Eine Frage wird mir immer wieder gestellt:

«Kontrolliert die Glückskette eigentlich, wie die Spenden eingesetzt werden?»

Selbstverständlich. Wir verfügen über verschiedene Kontrollmechanismen. Dazu gehören auch Projektbesuche vor Ort, damit wir die Qualität der Arbeit der Hilfswerke und die Wirksamkeit der Projekte überprüfen und mit unseren Partnern mögliche Verbesserungen und Anpassungen diskutieren können.

Kürzlich war ich deshalb zum zweiten Mal im Irak, wo fünf unserer Partnerhilfswerke Nothilfe zugunsten der Kriegsopfer leisten.

Wie so ein Projektbesuch abläuft, werde ich im Folgenden schildern.

1_P1020664.jpg

Vor der Reise

Der Irak leidet seit Jahrzehnten unter Kriegen und Aufständen. Dank unserer Sammlung zugunsten von Flüchtlingen und intern Vertriebenen können wir mit den Spenden der Schweizer Bevölkerung dringend nötige Projekte unserer Partnerhilfswerke unterstützen.

Die von uns unterstützten Projekte kenne ich sehr gut, da sie bis zur Bewilligung mindestens dreimal über meinen Schreibtisch gehen:

Vor meiner Reise in den Irak habe ich ausserdem erste Zwischenberichte erhalten und diese mit den Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern der Partner in der Schweiz intensiv diskutiert.

Da ich seit 2012 bei der Glückskette für die Hilfe im Nahen Osten verantwortlich bin und bereits im Juni 2016 im Irak war, kenne ich die Situation im Nordirak und in Kurdistan sehr gut.

3_P1020675.jpg
3_P1020670.jpg

Im Irak

Jetzt stehe ich am Flughafen von Erbil, der Hauptstadt und zugleich Sitz der Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Irak, wo mich ein Fahrer unserer Partnerorganisation Terre des hommes abholt. Rani spricht gut Englisch und wir unterhalten uns über die Lage in dieser kriegsgeplagten Region.

Die ersten beiden Tage sind mit Meetings gefüllt, z. B. bei der UN-Koordinationsorganisation OCHA, der UN-Migrationsorganisation IOM und beim BPRM (Bureau of Population, Refugees, and Migration), welches US-amerikanische Gelder für humanitäre Hilfe zur Verfügung stellt. Nach den Treffen bin ich im Detail über die neuesten politischen, militärischen und humanitären Entwicklungen in dieser Region informiert.

3_P1020588.jpg
4_P1020610.jpg

Meine Route

Hilfe für VerTRiebenE

Zusammen mit der Delegation unserer Partnerorganisation Save the Children fahre ich in den südlichen Zipfel Kurdistans, in die Region Kalar. Dort harren Hunderte Vertriebene in einem Lager aus – ohne Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in ihre Dörfer.

Save the Children sorgt für Wasser, Latrinen und Hygiene. Ich möchte unter anderem wissen, wie das Wasser aus dem nahegelegenen See trinkbar gemacht wird. Die Frage stellt sich umso mehr, da viele Bewohnerinnen und Bewohner des Lagers sich über die Qualität des Wassers beklagen.

«Das Wasser ist absolut trinkbar und wird regelmässig getestet. Die Leute können jedoch nur schwer nachvollziehen, dass man Wasser aus diesem See so aufbereiten kann, dass es problemlos getrunken werden kann»,

erklärt mir Greg, der Leiter von Save the Children im Irak, die eher psychologische Komponente der Wasseraufbereitung.

Save the Children hat das Problem erkannt und darum die Informationen zur Wasseraufbereitung wie auch die Hygieneaufklärung intensiviert.

5_P1020616.jpg
6__P1020617.jpg
7_P1020624.jpg

Danach fahren wir in zwei abgelegene Dörfer, wo Vertriebene Unterschlupf bei Verwandten und Bekannten gefunden haben. Vor einem Lastwagen stehen Frauen in einer Schlange, um ein Hygienepaket von Save the Children entgegen zu nehmen. Jede Familie erhält Seife, Waschmittel, Zahnpasta und andere Hygieneartikel.

Da ich wissen möchte, was die betroffenen Menschen von der Hilfe halten, suche ich das Gespräch mit den Frauen. Sie sind sehr froh um die Pakete, da es ohne Seife und Waschmittel schwierig ist, auf so engem Raum Krankheiten vorzubeugen. Die Hilfe von Save the Children wird sehr geschätzt. Dennoch ist die Liste weiterer Forderungen lang.

«Die Menschen hier im Süden Kurdistans sind von der humanitären Hilfe beinahe ausgeschlossen. Auch uns fehlen die nötigen Mittel, um hier noch mehr zu tun»,

erklärt Greg.

Er ist dankbar, dass die Glückskette nicht nur Projekte in den heiss umkämpften Gebieten Iraks finanziert, sondern auch in abgelegenen Regionen, wo Leute zum Teil seit Jahren auf der Flucht sind und keine Zukunftsperspektiven haben.

8_P1020600.jpg
9_P1020597.jpg
10_P1020594.jpg

Politische Wirren und Unsicherheit

Nach einer dreistündigen Fahrt treffe ich am nächsten Tag die Delegation von Terre des hommes in Kirkuk, der sechstgrössten Stadt des Landes. Xavier, ein Mitarbeiter von Terre des hommes, bringt mich auf den neuesten Stand über die sehr verzwickte Lage in dieser Region. Gewisse Städte, wie etwa das 40 Kilometer südlich gelegene Touz, befinden sich zwischen den kurdischen und schiitischen Milizen. Zudem liegt die Stadt nicht weit von Hawija, einer der letzten verbleibenden Hochburgen des Islamischen Staates.

Im Norden des Iraks müssen alle Hilfswerke im Stande sein, die politischen, ethnischen, religiösen und kulturellen Komponenten genau einzuschätzen, sich tagtäglich neu zu informieren und die Sicherheitslage permanent zu überwachen. Einige von ihnen haben dazu eigene Sicherheitsspezialistinnen und -spezialisten. Für mich ist es wichtig zu überprüfen, ob unsere Partner in der Lage sind, mit solch komplexen Situationen professionell umzugehen.

Hilfe mit Bargeld

In Kirkuk besuchen wir zwei Familien, welche vom Bargeldprogramm von Terre des hommes profitieren. Sie erhalten über drei Monate insgesamt 1200 Franken von der Hilfsorganisation. Betrag und Auszahlungsart berufen sich auf einen einheitlichen Standard, welcher von der Bargeldkoordinationsgruppe der UNO aufgestellt wurde. Wir bestehen darauf, dass die Hilfswerke diese Standards respektieren.

Im Gespräche mit den Frauen und Männern frage ich sie, wie sie das Geld genau einsetzen. Neben der Miete für die Notunterkunft geben Sie den grössten Teil des Betrages für Nahrungsmittel und Wasser und vereinzelt auch für Medikamente und Schulmaterial für die Kinder aus.

Der Bargeldansatz hat sich in den letzten Jahren in der humanitären Hilfe bewährt, da so die Familien mit dem Geld genau das kaufen können, was sie am dringendsten benötigen. Im Libanon und Jordanien, wo ich ebenfalls regelmässig Projekte besuche, ist der Ansatz seit Jahren weit verbreitet.

Die unterstützten Frauen und Männer möchten dennoch nur eins: so schnell wie möglich zurück in ihre Dörfer und in der Zwischenzeit einer bezahlten Beschäftigung nachgehen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Glückskette bemüht sich auch für diese Bedürfnisse eine konkrete Lösung zu finden.

11_P1020645.jpg
12_P1020647.jpg

Kein Wasser, kein Strom, keine Unterstützung

Zusammen mit Xavier von Terre des hommes und dem stellvertretenden Bürgermeister fahre ich nach Tooz. Hier – abseits der Stadt – haben sich Vertriebene ganz auf sich gestellt notdürftig eingerichtet. Sie verfügen weder über Strom noch sauberes Wasser, haben keine Kanalisation und erhalten weder medizinische Versorgung noch anderweitige Unterstützung. Sie überleben einzig und allein dank der Solidarität des lokalen Bauunternehmers, neben dessen Kiesgruppe sie sich einrichten durften.

Mit Spendengeldern der Glückskette möchte Terre des hommes den Menschen nicht nur das Nötigste zur Verfügung stellen, sondern den Männern die Möglichkeit bieten, während neun Monaten gemeinnützige Arbeit zu leisten und dafür einen Lohn zu erhalten. Mit den rund 400 Franken Lohn pro Monat wird sich die Situation für die Familien beträchtlich verbessert.

14_P1020653.jpg
15_P1020659.jpg
16_P1020654.jpg
13_P1020652.jpg

Mehr über meine Projektreise erfahren Sie im zweiten Teil dieser Reportage.

Footnote: Text und Fotos © Glückskette
Irak