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Projektbesuch im Irak

Unterwegs mit Manolo Caviezel, dem Projektbeauftragten der Glückskette, im Norden des Iraks (Teil 2)

Story by Glückskette July 26th, 2017

Im ersten Teil meines Berichtes aus dem Nordirak habe ich schon darauf hingewiesen, wie wichtig die Sicherheitsvorkehrungen für die Partnerhilfswerke sind. Als Vertreter des Geldgebers habe ich dabei eine Mitverantwortung. Umso mehr bin ich beeindruckt, wie unser Partner Medair sich auf die instabile Lage in Kirkuk eingestellt hat. Es gibt Verhaltensregeln für jede erdenkliche Situation. Zudem verlässt niemand die Delegation ohne einen Rucksack mit dem Nötigsten für den Härtefall.

Auch wenn ich dies auf den ersten Blick beinahe ein wenig übertrieben finde, denke ich daran, wie Mitarbeitende von Medair kürzlich im Südsudan drei Wochen im Sicherheitsbunker der Delegation ausharren mussten, um sich vor den Kriegswirren zu schützen. Auch in Kirkuk gibt es zur Sicherheit in der Delegation und in jedem Haus der Mitarbeitenden einen solchen Bunker.

Medizinische Versorgung

Im Lager für Vertriebene südlich von Kirkuk begleite ich im Gesundheitszentrum von Medair einen Patienten durch die verschiedenen Behandlungsstationen. Die Pfleger und Ärztinnen gehen sehr professionell auf die Fragen und Probleme der Patientinnen und Patienten ein.

Im ersten Raum diagnostiziert ein Krankenpfleger einen 48-jährigen Mann. Er beklagt sich über Schwellungen im Mund, wahrscheinlich eine Infektion des Zahnfleisches. Sein Blutdruck ist ziemlich hoch, sein Blutzucker im normalen Rahmen. Er hat kein Fieber und keine belastende Krankheitsgeschichte. Mit einem Zettel, auf dem alle diese Informationen detailliert notiert sind, begibt er sich zur Konsultation ins Ärztezimmer. Dort bestätigt sich die Diagnose der Zahnfleischentzündung. Der Arzt verschreibt ein Antibiotikum und fordert den Patienten auf, in ein paar Tagen wieder zu kommen, damit er ihn an einen Zahnarzt im Nachbarlager überweisen kann.

Nach Diskussionen mit verschiedenen Patientinnen und Gesundheitspflegern von Medair werde ich in meiner Überzeugung bestätigt, dass hier gute und auf die dringendsten Bedürfnisse der Menschen ausgerichtete Arbeit geleistet wird.

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Bargeldhilfe

Medair führt mit Unterstützung der Glückskette auch ein Bargeldprojekt durch. Neu möchten sie die Geldbeträge zum Teil bargeldlos über mobile Telefone überweisen. Dies sei weitaus sicherer, als das Bargeld in einer Bank an die Vertriebenen auszuzahlen – sicherer für die Vertriebenen selbst, aber auch für die Mitarbeitenden von Medair.

Ich will mich vergewissern, wer an einer solchen Geldüberweisung wie viel verdient. Rachel, eine Mitarbeiterin von Medair, erklärt mir, dass die lokale Telefongesellschaft nur 0,5 Prozent des transferierten Gesamtbetrages für sich beansprucht. Dieses Geld wird jedoch nicht den Vertriebenen abgenommen, sondern über das Budget von Medair abgerechnet.

Innovation wird derzeit in der humanitären Hilfe grossgeschrieben. Als Glückskette müssen wir dabei darauf achten, dass die neuen Ansätze einen echten Mehrwert bieten und die Spenden immer kosteneffizient eingesetzt werden.

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Wasserversorgung und Hygiene

Am Freitag steht das Land am Tigris still. Ich nutze den Tag für weitere Meetings mit ECHO, Secours Islamique und dem neuen Missionschef von Medair und verfasse bereits einen Teil meines Berichts.

Am nächsten Tag fahre ich mit dem Hilfswerk der Evangelischen Kirchen (HEKS) in den hohen Norden Kurdistans, Richtung Dohuk. HEKS arbeitet dort in einem Auffanglager, in dem Menschen leben, die aus der Stadt Mosul geflohen sind. HEKS kümmert sich im Camp, wo die Temperaturen bereits auf rund 40 Grad steigen, um die Wasserversorgung, die Hygiene und die Abfallentsorgung.

Es fällt mir sofort auf, dass die Sicherheitsvorkehrungen hier sehr hoch sind. Ich möchte mich im Gespräch mit HEKS vergewissern, dass die humanitäre Hilfe nicht instrumentalisiert wird und die humanitäre Prinzipien der Unabhängigkeit und Unparteilichkeit respektiert werden, obwohl das Hilfswerk sich strikt an die Regeln der Lagerleitung halten muss.

Die Hilfswerkvertreter erklären mir, dass dieses Thema bei ihnen intern intensiv diskutiert wurde und man zum Entschluss kam, auch unter diesen Umständen Hilfe zu leisten. Der humanitäre Imperativ stehe aus ihrer Sicht über all den anderen Überlegungen.

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Geburtsklinik

Am nächsten Tag besuche in ein Projekt von Ärzte ohne Grenzen (MSF). Mit François, dem Delegationsleiter, fahre ich in eine Geburtsklinik, wo täglich bis zu acht Babys entbunden werden.

Eigentlich herrscht hier fast Alltagsstimmung, wie in einer Geburtsabteilung eines Spitals in der Schweiz. Die Mitarbeitenden von MSF sind sich aber alle bewusst, dass sich die Lage von einem Tag auf den andern radikal ändern kann.

Wie alle anderen Partnerhilfswerke der Glückskette versucht MSF abzuschätzen, was als nächstes an der ein paar Dutzend Kilometer entfernten Kriegsfront geschehen und welchen Einfluss dies auf ihre Arbeit haben wird. Solide Kontakte zu lokalen Behörden und gute lokale Mitarbeitende, welche Land, Kultur und Sprache bestens kennen, sind dabei zentral.

Auch für mich ist es wichtig zu wissen, dass unsere Partner sich bestens auskennen, von allen Parteien akzeptiert werden und sich auf das Wissen und die Erfahrung kompetenter lokaler Mitarbeitenden stützen können.

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Dekontaminationszentrum

François führt mich auch durch das Dekontaminationszentrum vor dem Spital. Beim Krieg im Irak werden Giftgase eingesetzt, obwohl dies gegen alle internationalen Regeln verstösst. Spezialisten von MSF, ausgerüstet mit Gasmasken und hermetisch geschlossenen Kleidern, können hier bei einem Giftgasangriff die betroffenen Männer, Frauen und Kinder entkleiden, duschen, waschen und neu einkleiden, was die Gesundheitsrisiken für die betroffenen Menschen stark reduziert.

Als ehemaliger Delegierter des IKRK, der in Kolumbien, im Westjordanland, Tschad und Kongo im Einsatz stand, kenne ich die hässlichen Seiten des Krieges. Doch Giftgas übertrifft jeden vollstellbaren Schrecken.

Rückkehr in die Schweiz

Auf dem Rückflug von Erbil nach Genf arbeite ich weiter an meinem Bericht, der die gesammelten Informationen und Schlussfolgerungen zusammenfasst und allen Partnern zur Verfügung gestellt wird.

Der Besuch vor Ort und der Austausch mit zahlreichen Personen haben es mir ermöglicht, wichtige Informationen über die Situation sowie die humanitären Bedürfnisse zu sammeln. Diese werden nun in die strategische Überlegung der Glückskette einfliessen.

Als ehemaliger IKRK-Delegierter habe ich viel Verständnis für die Arbeit der Partnerhilfswerke. Als Vertreter eines Geldgebers und Experte der humanitären Hilfe muss ich aber auch einen kritischen Blick auf die Projekte bewahren und mich vergewissern, dass die Schweizer Spenden wirksam und kosteneffizient eingesetzt werden.

Der Projektbesuch im Irak hat einmal mehr gezeigt, dass die Partnerhilfswerke der Glückskette trotz schwierigem Umfeld hochwertige Arbeit zugunsten der Kriegsopfer leisten. Mögliche Verbesserungen oder Anpassungen werden wir im Rahmen unseres konstanten Dialogs im Detail diskutieren. Und der nächste Besuch im Irak ist bereits in Planung.

Seit meiner Rückkehr haben wir im Irak bereits vier neue Projekte für 2,8 Millionen Franken zur Finanzierung bewilligt.

Mehr über unsere Hilfe für Flüchtlinge und intern Vertriebene erfahren Sie auf unserer Website.

Footnote: Fotos und Text ©Glückskette
Irak