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Laura und François

Die Bühne als Sprungbrett ins Berufsleben

Story by Glückskette June 20th, 2016

Die Glückskette unterstützt auch Projekte in der Schweiz. Eines dieser Projekte ist scenicprod in Lausanne, eine Massnahme zur beruflich-sozialen Eingliederung von jungen Erwachsenen in Not. Seit 10 Jahren bietet das Programm jedes Jahr rund 30 Jugendlichen eine individualisierte Begleitung. Sie werden dabei sozialpädagogisch betreut, erhalten Unterstützung bei der Vorbereitung ihres beruflichen Wegs (Zusammenstellen eines Bewerbungsdossiers, Vorbereitung auf das Bewerbungsgespräch, Suche nach einem Praktikumsplatz) und können Mathematik- und Französischkurse sowie Workshops (Multimedia, computergestützte Musikkomposition, Bühnenbild und Kostüm) besuchen.

«Das sind Bereiche, auf die Jugendliche gut ansprechen», erklärt Céline Maillard, Verantwortliche von scenicprod. Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts ist die Realisierung einer Theaterproduktion. «Es ist nicht direkt eine Kunsttherapie, aber es kann definitiv helfen, seine Gefühle auszudrücken und in eine andere Rolle zu schlüpfen. Eine solche Erfahrung hat verschiedene positive Auswirkungen. Die Jugendlichen werden sich bewusst, welche wichtige Rolle sie innerhalb der Gruppe spielen, sie lernen als Team zusammenzuarbeiten, Zeitpläne einzuhalten, sich gegenseitig zu vertrauen, ein Projekt zu Ende zu bringen und sich dafür zu engagieren», erklärt eine Integrationsberaterin. «Auf der Bühne eignen sie sich Kompetenzen an, die für ihr zukünftiges Berufsleben wichtig sind. Und es funktioniert: Letztes Jahr haben 77 Prozent der Teilnehmenden eine Ausbildung angefangen.»

Nun ist der Vorhang gefallen: Der Jahrgang 2015–2016 hat die Aufführung erfolgreich gemeistert. Und wir haben uns mit zwei Protagonisten getroffen.

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«EIN ECHTER ANSTOSS, MEIN SELBSTVERTRAUEN WIEDERZUFINDEN»

Die Vorstellungen sind vorbei. Die 20-jährige Laura konzentriert sich jetzt auf die zweite Phase des Projekts: der Grafik-Workshop. Sie scannt ein grosses Herz mit der Inschrift «Ich liebe dich» auf Koreanisch. Das Logo kommt später auf ein T-Shirt. «Asien fasziniert mich. Ich mache gerade einen Sprachkurs und in ein paar Monaten will ich nach Korea reisen.» Bevor sie zu scenicprod gekommen ist, war Laura überhaupt nicht die junge Frau, die ihre Träume im Fernen Osten verfolgt hätte. Es gibt eine Laura von vorher und eine Laura von nachher. «Wie Tag und Nacht. Ich bin heute eine komplett andere Person.»

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Laura erzählt von ihrer Angst vor den Blicken der anderen und vor der Kritik. «Dann habe ich aber gemerkt, dass man sich in einer Gruppe gegenseitig unterstützt. Und während der Vorführung merkte ich, dass niemand auf die Fehler der anderen wartet. Im Gegenteil: Wir schauten den anderen zu und hofften, dass alles gut geht, dass sich niemand verhaspelt.» Laura liebt Tanzen und hat sich mit ihrem Solo in Highheels zu Hiphop-Rhythmen selbst übertroffen. «Das hat mir echt den Anstoss gegeben, mein Selbstvertrauen wiederzufinden.» In der Folge schloss Laura einen Lehrvertrag als Detailhandelsfachfrau in einem Bioladen in Lausanne ab. «Ich hoffe, dass ich in ein paar Jahren genug Koreanisch spreche, um im Detailhandel in Korea arbeiten zu können.»

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«ICH BIN BERUFLICH UND PERSÖNLICH WEITERGEKOMMEN»

François ist ebenfalls 20 Jahre alt und hat einen langen Weg hinter sich. «Als ich die 9. Klasse abgeschlossen habe, war ich in einer sehr rebellischen Phase. Nach der Schule habe ich mich jahrelang zuhause eingeschlossen, am Computer gezockt und Filme geschaut …» Mit der Zeit kam François nicht mehr aus dieser Isolation heraus. «Mir ging’s echt nicht gut. Ich hatte keine Freunde mehr. Und eines Tages merkte ich dann, dass ich meine Angst davor, rauszugehen, überwinden wollte. Ich habe mir gesagt, dass jetzt der Zeitpunkt da sei, an dem ich etwas wagen musste.» François fand eine Stelle in einem Caritas-Markt. «Aber ich konnte nach all dem einfach keinen Rhythmus finden. Das war wirklich schwierig für mich. Ich war erschöpft und fehlte immer wieder auf der Arbeit. Und ich hatte definitiv nicht die nötige Disziplin.» Nach seinem Lehrabschluss fand sich François also erneut in einem Loch. «Das hat einen Monat gedauert. Ich wollte erst keine Unterstützung annehmen, aber dann habe ich meine Meinung geändert. Als ich von scenicprod hörte, wollte ich diese Chance sofort nutzen.»

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Die Möglichkeit, eine Theaterproduktion zu realisieren, motiviert François sehr. «Zuerst war ich bei anderen Aktivitäten immer zu spät und ich verpasste Abmachungen. Aber die Aufführung hat alles verändert», lacht er. «Wir zählen aufeinander. Unsere Gruppe hält zusammen, auch wenn wir drei Stunden in einem stickigen Raum proben müssen – es macht uns Spass!»

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François erinnert sich an den Anfang. «Beim ersten Treffen waren wir alle super nervös. Wir haben gestottert, als wir uns vorstellen mussten. Aber es war ein positiver Stress.» Und bei den Proben entdeckte François eine Stärke, die er von sich nicht vermutete: «Ich konnte Texte gut auswendig lernen. Ich war ausdauernd. Und ich hatte kein grosses Lampenfieber. Das hat mir mein Selbstvertrauen zurückgegeben.» François hat seine Selbstachtung wiedergefunden – und auch eine gewisse Gelassenheit. «Wenn man vor 200 Personen auf der Bühne stand, stresst einen nichts mehr so schnell. Ich kriege keine Panik vor Vorstellungsgesprächen mehr.»

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Footnote: © 2016 Glückskette
Lausanne, Schweiz