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Jonathan tanzt sich aus der Gewaltspirale

Ein Projekt der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi für Jugendliche in El Salvador

Story by Glückskette December 7th, 2015
«Jeder Rappen zählt» sammelt dieses Jahr für Jugendliche in Not in der Schweiz und im Ausland. Mit den gesammelten Spendengeldern werden z. B. Projekte gefördert, die Jugendlichen Zugang zu einer qualitativ guten Grundbildung bieten und somit den Einstieg ins Berufsleben erleichtern.

Der 18-jährige Jonathan Alexander López schliesst gerade dank eines Stipendiums die Matura ab und unterrichtet als Freiwilliger eine Tanzgruppe an einer Schule, die von der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi und einer lokalen Partnerorganisation unterstützt wird.
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Die Schule liegt in einem Armenviertel im Zentrum der Hauptstadt San Salvador. Die Kinder und Jugendlichen aus dem Quartier Las Palmas wachsen in einem der gewalttätigsten Länder der Welt auf. Der Hauptgrund für die Gewalt sind kriminelle Jugendbanden, sogenannte Maras, die ihren Lebensunterhalt mit Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Waffenschmuggel verdienen. Darüber hinaus sind die Jugendlichen im Quartier auch der willkürlichen Gewalt der Polizei und des Militärs ausgesetzt, die der Staat auf den Strassen patrouillieren lässt.

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Jonathan wohnt seit seiner Geburt in Las Palmas. Aufgewachsen ist er bei den Grosseltern. Trotz der Armut und Kriminalität im Quartier möchte er hier wohnen bleiben und dazu beitragen, dass sich die Lage zum Besseren ändert. Darum arbeitet er in seiner Freizeit als Freiwilliger an seiner ehemaligen Schule.

Die Tanzgruppe, die Jonathan leitet, ist Teil eines Projektes der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi, welche zusammen mit einer lokalen Partnerorganisation Freizeitaktivitäten und ein nachschulisches Betreuungsprogramm für Kinder und Jugendliche und somit Alternativen zu Kinderarbeit, Drogenkonsum und Jugendbanden bietet.

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El Salvadors Bildungssystem rangiert weltweit auf den unteren Rängen. Die Schulabbruchrate ist hoch. Oft haben die Familien nicht genügend Geld, um ihren Kindern eine gute Schulbildung zu finanzieren, so dass die Jugendlichen die Schule verlassen um zu arbeiten und das Einkommen der Familie aufzubessern. Ausserdem findet der Schulunterricht in El Salvador nur vormittags statt, denn das Land ist hoch verschuldet und der Regierung fehlt das Geld für mehr Lehrpersonen sowie Material und Platz für zusätzliche Klassen.

Gerade in Armenvierteln wie demjenigen von Jonathan, wo die Jugendlichen oft aus zerrütteten Familienverhältnissen stammen und nach der Schule niemand zu Hause auf sie wartet, mangelt es an Freizeitaktivitäten und sinnvollen Hobbys. Den Nachmittag verbringen darum viele Schülerinnen und Schüler auf der Strasse, wo sie leichte Beute für die kriminellen Jugendbanden sind. Sie werden von Bandenmitgliedern abgefangen und für deren Machenschaften rekrutiert.

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So auch Jonathans bester Freund aus Kindheitstagen: Er schmiss die Schule und verdiente sein Geld mit krummen Dingen. Als er nach einiger Zeit aus der Mara austreten wollte, wurde er von seinen Bandenkollegen gedrängt, zu bleiben. Als sie merkten, dass er es ernst meinte mit dem Ausstieg, drohten sie ihm mit dem Tod. Da sein Leben in Gefahr war, machte er sich als illegaler Migrant auf den gefährlichen Weg Richtung Norden. Heute lebt er in den USA, wie fast 3 Millionen andere Salvadorianer, die dort legal oder illegal Zuflucht gefunden haben.

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Um die Jungen von der Strasse fern zu halten, bietet die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi zusammen mit einer lokalen Partnerorganisation Freizeitaktivitäten und ein nachschulisches Betreuungsprogramm in Form von sogenannten «Schulclubs». Die Jugendlichen haben z.B. die Möglichkeit, Nachhilfeunterricht zu nehmen, einem Sportclub beizutreten, naturwissenschaftliche Experimente durchzuführen oder sich künstlerisch zu betätigen. So erhalten sie wöchentlich mindestens zwei Stunden zusätzlichen Unterricht.

Die Freiwilligen, die die Schulclubs leiten, werden vorher geschult und auch während des Schuljahres begleitet. Jeder Schulclub hat einen festen Jahresplan, in dem detailliert festgelegt wird, was den Schülerinnen und Schülern beigebracht wird und welches Lernmaterial und welche Unterrichtmethoden dafür genutzt werden.

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Jonathan selbst nahm ab der 7. Klasse am Nachhilfeunterricht für Englisch teil und trat zur selben Zeit der Tanzgruppe bei. Damals war er noch ein blutiger Anfänger und kannte keinen einzigen Tanzschritt. Heute ist das Tanzen seine liebste Freizeitbeschäftigung und er ist so gut, dass er sogar während sechs Monaten mit «Apocalipsis», einer der besten Tanzgruppen El Salvadors, trainieren konnte.

Dank der Teilnahme an verschiedenen Schulclubs haben sich seine Noten und Sozialkompetenzen so sehr verbessert, dass er ein Stipendium erhalten hat, um die Matura abzuschliessen und danach Grafikdesign an der Uni zu studieren.
«Mein Traum ist es, irgendwann ein eigenes Grafikdesign-Büro zu eröffnen, mein eigener Chef zu sein und so meine Familie zu unterstützen.»
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Jonathan ist sich sicher, dass er mit seiner guten Ausbildung relativ leicht einen Job finden wird. Er ist sehr dankbar dafür, dass die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi ihn während seiner Schulzeit unterstützt und gefördert hat und ihm so die Möglichkeit gab, eine weiterführende Schule zu besuchen. Er ist für viele Jugendliche ein Vorbild.

Mit den ausserschulischen Aktivitäten bietet die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi den Jugendlichen nicht nur eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, sondern lehrt ihnen auch wichtige soziale Kompetenzen wie Verlässlichkeit, Teamarbeit, Durchhaltevermögen und Stressbewältigung, hilft ihnen Konflikte friedlich zu lösen und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Jonathan ist überzeugt, dass den Jugendlichen das Selbstwertgefühl, welches sie beim Tanzen lernen, auch in vielen anderen Aspekten des Lebens behilflich ist.

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Er möchte, dass die Mitglieder seiner Tanzgruppe Spass haben, sich vom schwierigen Alltag ablenken und die Gewalt für kurze Zeit vergessen können. Zudem sollen sie lernen, sich für etwas einzusetzen und nicht gleich aufzugeben, wenn es beim ersten Mal nicht klappt. Jonathans Tanzgruppe ist bereits jetzt äusserst erfolgreich. Sie hat letztes Jahr an einem Tanzwettbewerb zwischen verschiedenen Schulen San Salvadors den 3. Platz erreicht. Dieses Jahr möchte Jonathan gewinnen:

«Wenn man etwas wirklich erreichen möchte, dann schafft man das.»

Spenden Sie jetzt für «Jeder Rappen zählt» und unterstützen Sie Jugendliche in Not wie Jonathan aus El Salvador.

Footnote: Text und Fotos von Claudia Blaser/Glückskette
El Salvador
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