You’re viewing a version of this story optimized for slow connections. To see the full story click here.

AUGENSCHEIN IN NEPAL

Auf Projektreise mit dem Glückskette-Direktor

Story by Glückskette April 25th, 2017

Die Menschen im Mittelpunkt

Was macht der Direktor* der Glückskette, wenn er sich auf eine Projektreise begibt? Für mich ist es zentral, mich mit den Menschen auszutauschen, welche im Zentrum aller Projektarbeiten stehen. In Nepal waren diese Begegnungen mit den Opfern des Erdbebens vom 25. April 2015 besonders eindrücklich. Ein Augenschein.

*Tony Burgener, Direktor der Glückskette seit Januar 2012

2_unbenannt-519_web.jpg

Den Eltern nicht zur Last fallen

Ihre Augen sind matt, fixiert und ohne grosse Regung. Die grössten Emotionen spüre ich in einem Gespräch mit Teenagern, welche sich in Bhumlutar in einem Jugendklub treffen. Es ist nicht nur das Erdbeben, welches sie noch immer erdrückt. Sie sprechen auch von all den Gefahren, welche Kindern und Jugendlichen drohen: Kinderarbeit, Kinderehen, Prostitution, sexuelle Missbräuche. Mira, 16 Jahre alt, die im Gespräch besonders auffällt, beeindruckt durch ihre Reife: «Wir wollen vor allem nicht unseren Eltern zur Last fallen. Die haben es so oder so schon ganz schwer.» Das einzig Positive ist, dass sie sich frei und offen darüber äussern können. Terre des hommes – Kinderhilfe und ihren Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern sei Dank.

4_unbenannt-148_web.jpg
3_unbenannt-71_web.jpg

Ein Geissbock zum Vermieten

Nicht minder emotional ist die Begegnung mit Männern und Frauen in Talamaran, welche im Rahmen eines Projektes von Solidar Suisse alle 25’000 Rupien (250 Schweizer Franken) erhielten. Rosalie, 45 Jahre alt, beschreibt, wie das Erdbeben ihre Lebensgrundlagen total zerstört hat. Ihr Mann und drei Kinder kamen um. Das Haus wurde total zerstört. Einzig der jüngste Sohn überlebte. Doch dann leuchten plötzlich ihre Augen auf. Mit den gespendeten Rupien hat sie sich einen Geissbock gekauft und schon beinahe schelmisch präzisiert sie: «Es musste ein Bock sein. Den kann ich für 150 Rupien vermieten, damit er auch die Geissen meiner Nachbarn besteigt.»

66 Prozent der Frauen und Männer setzten die Spenden für nachhaltige Investitionen ein. Eine der Frauen kann dank einer neuen Nähmaschine täglich über 500 Rupien verdienen. Eine andere Frau kaufte sich ein paar Hühner, aus denen eine Hühnerfarm mit über 500 Küken wurde. Ein Dritter benutzte das Geld für Kochutensilien, mit denen er einen kleinen Coffeeshop betreibt. Die restlichen 34 Prozent setzten die Gelder für Medikamente, Nahrung oder das Reparieren ihrer Häuser ein. Das Projekt von Solidar Suisse zeigt auf: Bargeldhilfe erlaubt es den Menschen, sich so zu helfen, wie sie es selber als am Sinnvollsten betrachten.

6_unbenannt-220_web.jpg
:_unbenannt-221_web.jpg

«Parma» – Nachbarschaftshilfe

Die Begegnung mit Luna ist ganz speziell. Ich treffe sie im Dorf Kiul, wo sie ein neugebautes Haus verputzt. Nicht minder bin ich aber erstaunt, als sie mir sagt, dass dies das Haus ihres Nachbarn sei. Nachbarschaftshilfe, unter dem Begriff «Parma» bekannt, wird in Nepal grossgeschrieben. 86 Häuser werden in Kiul derzeit dank der Mitarbeit von Nachbarn, aber natürlich auch dank qualifizierten Maurerinnen und Schreinern gebaut.

8_unbenannt-117_web.jpg
unbenannt-77_web.jpg

Insgesamt wurden 650'000 Häuser vom Erdbeben zerstört. Helvetas, das Schweizerische Rote Kreuz, Solidar Suisse, Medair und Swisscontact werden von der Glückskette unterstützt. Sie leisten beim Wiederaufbau von über tausend Häusern einen wichtigen Beitrag.

11_unbenannt-49_web.jpg
10_unbenannt-16_web.jpg
12_unbenannt-67_web.jpg
12.2_unbenannt-241_web.jpg

Wasserleitungen: mein Herz schlägt hoch

Hoch schlägt das Herz des Wallisers, der ich bin, beim Wasserleitungsprojekt von Helvetas. Suonen nennen wir zu Hause diese Irrigationskanäle. Die Bauern von Talamaran erzählen mir, wie sie sich das kostbare Nass aufteilen. Jedem werden alle zwei Wochen zwei bis drei Stunden zugewiesen, um die Felder zu bewässern.

13_unbenannt-193_web.jpg
14_unbenannt-195_web.jpg

Meinerseits erkläre ich Ihnen, wie das bei uns im Wallis organisiert ist. Ob denn nicht ein Teil des Kanals überdeckt werden könnte, damit sie nicht immer wieder bei kleinen Erdrutschen die Leitung freimachen müssen, fragt mich Burak, 47 Jahre alt, ein stämmiger Bauer. Ich finde die Antwort wiederum in meinem Erfahrungsschatz mit den Suonen: «Bei uns ist jedes Jahr eine Familie für den Unterhalt zuständig, die einen Wasservogt bestimmt, der sich um diese Fronarbeit kümmert.» Die Bauern zeigten sich beeindruckt und lachen herzlich.

15_unbenannt-208_web.jpg
16_unbenannt-216_web.jpg

Hochschwanger auf der Bahre

Sanjaya ist eine der Hebammen im Gesundheitszentrum von Terre des hommes – Kinderhilfe in Devitar. «Wie kommen denn die schwangeren Frauen hierher?», frage ich sie. «Manchmal laufen sie während mehreren Stunden oder sie werden von Männern auf einer Bahre getragen», erzählt sie. Und trotzdem werden über 90 Prozent der Mädchen und Buben der Region fachgerecht in solchen Zentren oder in noch weiter entfernten Spitälern entbunden. Bei unserem Besuch sind gerade die Gesundheitsschwestern aus den umliegenden Dörfern für eine Weiterbildung anwesend. Man erkennt sie an ihren blauen Röcken. «Sie sind das A und O unseres Gesundheitssystems», mein Sanjaya.

17_unbenannt-60_web.jpg

Schlüsselübergabe in Palchok

Für die Schulkinder in Palchok ist es ein grosser Tag. Heute wird ihre von Caritas wiederaufgebaute Schule eingeweiht. Zum Empfang erhalten alle Gäste einen Willkommensschal. «Namaste» heisst es dann jeweils. Als Ehrengast darf ich eine kleine Rede halten. Ich erkläre den Kindern, wie das Erdbeben in der Schweiz grosse Betroffenheit ausgelöst hat, und dass viele Kinder und Jugendliche Geld für Nepal sammelten. Dann darf ich dem Schulleiter die Schlüssel übergeben.

Die Schulen wurden nicht nur neu und erdbebensicher gebaut, sondern laden auch zum kinderfreundlichen Unterricht ein. «Daran müssen sich aber unsere Lehrerinnen und Lehrer noch gewöhnen, denn das kennt man hier noch nicht», erklärt mir eine nepalesische Begleiterin. Für das Wasser ist Helvetas zuständig. Und eine lokale Hilfsorganisation wird in Zukunft dafür sorgen, dass die Kinder in Sachen Hygiene und Umweltschutz gut unterrichtet werden.

18_unbenannt-422_web.jpg
19_unbenannt-374_web.jpg
20_unbenannt-398_web.jpg

Die Kinder von Palchok singen und tanzen noch während des ganzen Nachmittags. Zum Abschluss der Feier wagt sich einer ganz nah an mich ran und fragt keck: «Können wir Freunde auf Facebook werden?» «Natürlich», meine ich und gebe ihm meine Visitenkarte.

21_unbenannt-454_web.jpg
22_unbenannt-460_web.jpg

Projekte im Jahr 2019 beendet

Damit bleiben die Bande mit Nepal auch über die Projekte, welche wohl alle bis Ende 2019 fertiggestellt werden, bestehen. Insgesamt werden die über 32 Millionen Franken Spenden in 30 Schulen, 1600 Häuser, 100 Kilometer Irrigationskanäle, rund ein Dutzend Gesundheitszentren und mehrere Bargeldprojekte eingesetzt.

Ein ganz spezieller Dank geht an alle Partnerorganisationen der Glückskette, welche trotz Wirren und Unvorsehbarkeiten immer Geduld, Flexibilität und einen grossen Einsatz zeigen. Das braucht es auch noch in den kommenden Monaten.

23_unbenannt-280_web.jpg
Footnote: Fotos © Hans Hofmann
Nepal